Bernanke-Krise «Made in Shanghai»?

Barry Eichengreen nimmt  in einem Interview mit „Finanzen und Wirtschaft“ eine interessante Perspektive zu den jüngsten Marktreaktionen vor. In Folge der mittlerweile berüchtigten Rede von Ben Bernanke vor dem Offenmarktausschuss kam es zu einigen Turbulenzen an den Märkten und viele sprachen von einer Überreaktion der Investoren.

Eichengreen: Deshalb empfiehlt es sich, in die jüngsten Marktbewegungen nicht zu viel hineinzuinterpretieren. Mittlerweile haben die Aktienmärkte und die Währungen einiges von den Verlusten der dritten Woche des vergan­genen Monats wettgemacht, ganz so, als wären sich die Investoren nun einig, dass sie überreagiert hatten. Die Anleihenrenditen allerdings verharren auf einem massiv höheren Niveau als Mitte Juni, was dafür spricht, dass da doch noch mehr sein könnte.

Der Ökonoom sieht jedoch die Ursache eher in Schanghai als in Washington und führt dazu aus:

Die US-Notenbank ist im Juni nicht von ihrer bisherigen Einstellung abgerückt, und nichts deutet darauf hin, dass ihre Politik zukünftig anders aussehen wird, als das bisher ­erwartet wurde. In China hingegen gab es eine Reihe bedeutender Entwicklungen.

Am Freitag, dem 7. Juni – wohlgemerkt anderthalb Wochen vor Ben Bernankes Pressekonferenz – sprang der chinesische Interbankensatz, zu dem sich Banken untereinander kurzfristig Geld leihen, von 4,8% Ende der vorangegangenen Woche auf 6,84%. Der Grund sollen Gerüchte gewesen sein, zwei mittelgrosse chinesische Geschäftsbanken seien ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachgekommen.

Man hatte erwartet, dass die chinesische Zentralbank – wie früher jeweils geschehen – einschreiten und dem Markt zusätzliche Liquidität zur Verfügung stellen würde. Gross war der Schock, als die Zentralbanker nichts dergleichen taten, sondern zuliessen, dass die Zinsen im ­Intraday-Handel am 19. und 20. Juni auf 30% stiegen. Man beachte das Timing: An eben jenem Donnerstag und Freitag waren die Märkte damit beschäftigt, Ben Ber­nankes Ausführungen zu verdauen. Die Kursänderung in China war bemerkenswert: Ein Anstieg der kurzfristigen Zinsen von 5 auf 30% ist nichts, was man auf die leichte Schulter nehmen könnte.

Eichengreen folgert daraus, dass die PBoC einen solchen Anstieg der Zinsen zuließ um ein deutliches Signal an den Schattenbankenmarkt zu senden. Doch ähnlich wie Fed Chef Ben Bernanke hatte auch die PBoC verkannt, wie heftig die Märkte reagieren würden. Fest steht für Ihn jedoch dass es von nun an die Aufgabe der chinesischen Zentralbank sei, das Kreditwachstum im Zaum zu halten.

Damit liegen die Prioritäten nun anders. Es gilt, das Kreditwachstum auf ein umsichtigeres Niveau zu bremsen, egal welche Wachstumsraten diese Kreditpolitik mit sich bringt. Auf kurze Frist bedeuten strengere Kreditkonditionen in der Volksrepublik, dass weniger chinesische Gelder an die globalen Märkte fliessen: Chinesen werden weniger US-Treasuries und andere Finanzinstrumente kaufen, was wiederum schwächere Anleihenpreise und höhere Renditen an den Märkten der Industrieländer zur Folge hat. Wenn die Märkte überhaupt auf etwas ­reagiert haben, dann waren es die Nachrichten aus Schanghai und nicht der Mangel an Neuigkeiten aus dem Munde des Fed-Chefs.

Die längerfristigen Folgen sind laut Eichengreen weniger eindeutig:

In den vergangenen Jahren stand China für ein Drittel des globalen Wachstums. Wenn Pekings neue Prioritäten mit einer deutlichen Wachstumsverlangsamung einhergehen, sind das in der Tat Neuigkeiten von enormer Tragweite. Eine langsamer wachsende Weltwirtschaft bedeutet aber auch, dass sich die Rückkehr zu einer Arbeitslosenquote von 7% in den USA verzögert. Ebenso steht sie ganz generell für weniger Nachfrage nach Krediten zur Finanzierung von Investitionen. Dringt diese Erkenntnis an den Märkten erst einmal durch, könnten die Zinsen eher fallen denn steigen. So könnte das Verdikt durchaus heissen, dass die Märkte nicht nur auf die Nachrichten aus Washington, D.C. überreagiert haben, sondern ebenso auf diejenigen aus Schanghai.

Quelle:

http://www.fuw.ch/article/bernanke-krise-made-in-shanghai/

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